Warum dieses Buch?
Erstes Kapitel - gekürzt
"Lesen? Der doch nicht, der spielt doch den ganzen Tag Computer." Das ist eine der Standardantworten, die ich seit gut drei Jahren immer wieder von Eltern bekomme, wenn ich sie nach den Lieblingsbüchern ihrer Söhne frage. Anfangs trieb mich rein mütterliche Fürsorge, dem eigenen Nachwuchs die richtigen Bücher unter den Weihnachtsbaum zu legen. Mehr als einmal hatte ich mich beim Kaufen vergriffen und über unsinnig ausgegebenes Geld geärgert. Mehr als einmal waren die Empfehlungen von Verkäuferinnen nicht wirklich hilfreich gewesen. Mit jedem falschen Tipp, das merkte ich, ließ das Interesse an Büchern bei meinem damals 13-Jährigen nach.
Hilfe versprachen zunächst Ratgeber wie
Hexen, Hobbits und Piraten - die besten Bücher für Kinder. Allein, Empfehlungen für Jungen, die älter als zwölf und damit im sogenannten Rüpelalter waren, fand ich nicht. Zudem setzten Autorinnen wie Susanne Gaschke (DIE ZEIT) oder Monika Osberghaus (FAZ) in
Was soll ich denn Lesen? ganz bewusst auf das sogenannte "gute Buch", also auf "pädagogisch wertvolle Literatur" von Tom Sawyer bis Oliver Twist. Das hatte ich alles schon probiert. Vergeblich.
Ich musste also weitersuchen. Ich sprach mit Jugendlichen, Eltern und Lehrern, schließlich mit Leseforschern und Psychologen. Immer klarer wurde: Nicht nur mein Sohn hatte keine Lust mehr zu lesen. An Realschulen wie Gymnasien klagten Pädagogen gleichermaßen: "An Jungen kommen wir im Deutschunterricht kaum noch ran." Auf die Frage "Warum?" antworteten mir Leseforscher unverblümt: "Lesen gilt heute unter männlichen Jugendlichen als weibisch!"
Wenn das Buch als Freizeitbeschäftigung nicht schon in der Grundschule ausgemustert wurde, trotz oder gerade wegen der liebevollen Zuwendung von Müttern, Lehrerinnen, Bibliothekarinnen und Buchhändlerinnen, sei es spätestens mit 13 für Jungen ein rotes Tuch. Welcher echte Kerl wolle auf dem Weg zum Mann von seinen Peers schon gern ein "Weichei" genannt werden? Das kam mir bekannt vor. Und doch zweifelte ich, dass dies die ganze Erklärung sein sollte.

Den Trend zur Leseunlust, bezogen vor allem auf den fiktiven Roman, hat PISA bestätigt. Demnach sind Jungen und Mädchen in mehr als zwanzig Ländern Europas davon betroffen, Jungen jedoch vergleichsweise stärker als Mädchen. Ein Viertel unserer Jungen kann nur auf elementarstem Niveau lesen und schreiben. Schlimmer noch: Der Anteil der Schüler, die so gut wie gar nicht lesen können, ist in Deutschland mit 10 Prozent fast doppelt so hoch wie im OECD-Durchschnitt.
Doch nicht nur in Europa wird das Nichtlesen immer mehr zum Thema. Wissenschaftler in Übersee beschäftigen sich schon seit ein paar Jahren mit der Frage, warum Jungen im Vergleich zu Mädchen auch zunehmend schlechter in der Schule abschneiden. "Boys´underachievement" heißt die Herausforderung, die sich, wie es scheint, in fast allen Industriestaaten gleichermaßen stellt. Jungen stellen inzwischen die Mehrheit der Legastheniker und Sitzenbleiber. Ärzte attestieren ihnen dreimal so häufig wie Mädchen das Zappelphilipp-Syndrom ADS. Jungen fällt es grundsätzlich schwerer, sich im Schulbetrieb unterzuordnen und der häufig schematischen Art der Wissensvermittlung zu folgen. Mädchen haben damit offenbar weniger Probleme und ziehen an Jungen vorbei. Je anspruchsvoller die Schulart, desto häufiger sind sie in der Überzahl. Weltweit studieren Mädchen heute schneller und erzielen bessere Abschlüsse. "Dumme Jungen, schlaue Mädchen" titelte denn auch
Der Spiegel im Mai 2004. In Deutschland bahne sich eine "handfeste Versagerquote" an - eine "Jungenkatastrophe". Die Gründe sind, das haben Forscher unterschiedlicher Fachgebiete herausgefunden, in erster Linie biologischer, soziologischer aber auch historischer und allgemeingesellschaftlicher Natur.
Was bedeutet das? Hat die Frauenbewegung ausgedient? Blasen wir nun zum Sammeln für eine künftige Männerbewegung? Braucht das nachwachsende sogenannte starke Geschlecht im Jahr 2005 Hilfe beim Erwachsenwerden? Wenn ja, was hat das alles mit dem Lesen zu tun?
Jüngste Resultate der Gehirnforschung belegen: Jungen lesen, biologisch bedingt, anders als Mädchen. Daraus folgt ein geschlechtsbedingtes, also spezifisch männliches Lernverhalten mit Einfluss auf die Lernergebnisse in fast allen Fächern. Vor diesem Hintergrund, so meinen führende Leseforscher, gehört der Deutschunterricht auf den Prüfstand. Seit Jahrzehnten einem bildungsbürgerlichen Erziehungsanspruch verpflichtet, ist er überwiegend auf fiktiver Literatur aufgebaut und damit eher mädchenaffin. Gegen die um sich greifende Leseunlust insbesondere bei Jungen kommt er nicht mehr an. Lese- und Schreibkompetenzdefizite können nicht mehr aufgefangen werden. Hinzu kommt: Lesen als Mittel zur Ausbildung von Sozialkompetenz tritt immer mehr in den Hintergrund - während sich der gegenläufige Trend verstärkt, Abenteuer per Mouseklick zu erleben, ausschließlich für den schnellen Ego-Kick. Zukunftsforscher und Pädagogen befürchten neuen emotionalen Sprengstoff.
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Sind Mädchen auf die Herausforderungen künftiger Dienstleistungs- und Kommunikationsgesellschaften besser vorbereitet als Jungen? Vieles spricht dafür. Um Jungen gleichermaßen fit für die Zukunft zu machen, gilt es neu zu denken. Hier knüpft das Buch
Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können an.
Mit dem Appell "Jungen fördern, Mädchen sind schon stark genug!" versteht es sich als durchaus provokanter, praxisorientierter Beitrag zur bildungspolitischen Diskussion in Deutschland nach PISA. Wer Lesen als Schlüsselkompetenz der Zukunft begreifen will, kommt nicht umhin, sich unkonventionell und pragmatisch mit Lesemotivationsfragen und deren Umsetzung im Alltag auseinander zu setzen. Längst geklärt geglaubte Genderfragen erscheinen vor dem Hintergrund jüngster Erkenntnisse der Leseforschung in neuem Licht. Eine damit im Zusammenhang stehende gesellschaftspolitische Diskussion ist in Umfang und Ausgang heute noch gar nicht abzusehen. Dennoch ist es nötig, bereits jetzt zu handeln.
Jeder Monat, der verstreicht, ohne Kindern und Jugendlichen das Lesen erfolgreich nahe zu bringen, ist unterlassene Hilfeleistung beim Erwachsenwerden. Prof. Ring, wissenschaftlicher Berater der
Stiftung Lesen, Mainz, wird zurecht nicht müde, dies immer wieder zu betonen. Das Buch will deshalb eine Brücke schlagen zwischen neuester wissenschaftlicher Erkenntnis in Sachen Leseforschung und gelebtem Alltag unter deutschen Dächern.
Warum steht das Land der Dichter und Denker sich "in Sachen Lesemotivation" selbst im Weg? Wie gut ist das "gute Buch" wirklich, und was ist daran schlecht? Was verstehen wir unter Leselust und warum weigern sich vor allem Jungen, nach traditionellem Verständnis zu lesen? Antworten darauf finden Sie in Teil I . Teil II leitet ab, was Eltern und Pädagogen tun können, um der potenziellen Leseunlust Heranwachsender zu begegnen. Kernzielgruppe der Betrachtungen sind dabei Jungen zwischen 13 und 17 Jahren. Sie bilden unter den Heranwachsenden die Fokusgruppe, die die meisten Leseverweigerer zählt.
Um sie zum Lesen zu motivieren, habe ich kühn alles, was bislang pädagogisch wertvoll, gut und richtig erschien, für einen Moment vergessen, und gedanklich vom Kopf auf die Füße gestellt. Nicht Wünschenswertes aus der Sicht tradierter Maßstäbe schien mir im ersten Schritt erstrebenswert, sondern Machbares, ohne das "gute Buch" aus dem Zielhorizont zu verlieren. Wie war das? Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen. Ich behaupte das Gegenteil. Erst kommt die Lust, dann die Bildung. Wenn Selbstläufer wie Tom Sawyer, Huckleberry Finn und Pippi Langstrumpf nicht mehr ziehen, müssen wir neue Wege gehen. Was heißt das?
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Ungeachtet aller Warnungen, wir würden ohnehin nur auf "Trivialliteratur" stoßen, befragten wir repräsentativ mehr als 2.000 deutsche Schülerinnen und Schüler zwischen Stralsund und München, Köln und Frankfurt/Oder nach ihren Interessen bezogen auf das geschriebene Wort. In erster Linie ging es dabei nicht um Romane oder ganze Bücher, sondern zunächst einmal um Texte, unabhängig davon, wo sie gelesen werden: im Internet, in Zeitschriften oder in Büchern. Wir, das sind Mitarbeiter zweier Forschungsinstitute, zwei Redakteure, die mich auch bei meinen Recherchen für das Buch hilfreich begleitet haben, zahlreiche freiwillige Lehrer und Eltern sowie neugierige Jungen. Sie alle unterstützten den bundesweiten Umfragekraftakt.
Das Resultat: Jungen wollen lesen, auch wenn sie es nicht immer zugeben. Zweitens: Sie lesen, wenn auch anders als gemeinhin angenommen. Und: Sie lesen umso intensiver und anspruchsvoller, je besser wir es verstehen, ihnen in der mehrere Jahre anhaltenden Leselustlernphase die richtigen, persönlich passenden Texte in die Hände zu geben.
Zum Abschluss dieses Buches werden deshalb Titel vorgestellt, die Jungen ihren besten Freunden zum Lesen empfehlen würden. Fünfzig davon habe ich nach Häufigkeit der Nennung, Glaubwürdigkeit des Votums und Leselustpotenzial ausgewählt, selbst gelesen, und nach einheitlichen Kriterien bewertet. Der Kommentar zu den einzelnen Titeln soll Ihnen eine Vorstellung davon vermitteln, warum er von Jungen ausgewählt wurde und inwieweit er möglicherweise auch auf die "aktuelle Lesesituation" Ihres Kindes passt. Dazu habe ich die Leseempfehlungen der Jungen nach Altersgruppen (12 bis 14, 14 bis 15, 16 bis 18 Jahre) und Leseleveln (Lesebeginner, Lesemuffel, Leseratte) geordnet. Da mancher Titel mehrere Bände umfasst (Der Windsänger(3): William Nicholson schrieb nach dem ersten Erfolg zwei Folgebände.), können Sie insgesamt auf Lesestoff zurückgreifen, der aus weit mehr als 100 Büchern besteht. Das sollte für den Anfang genügen, um einen Weg, ein Prinzip zu erkennen, wie zu Hause und in der Schule jeden Tag Lesemotivation geweckt, unterstützt und verstärkt werden kann.
Folgen Sie den Überlegungen in Teil I und den darauf aufbauenden Titel-Tipps in Teil II, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass auch Ihr Junge (wieder) gern lesen wird. Sie sind immer noch skeptisch?
Nach langer Leseabstinenz meines Sohnes kam ich eines Tages mit einem Buch nach Hause, das mir ein 16-jähriger Chemnitzer bei einem meiner Recherchetrips in einer Berliner Buchhandlung wärmstens empfohlen hatte. Douglas Adams Humor und ein höchst cooler Computer namens Marvin hatten den Gymnasiasten überzeugt. Ich kaufte das Buch. Mit jedem Satz der Lektüre jedoch wurde ich desillusionierter. Ich quälte mich geradezu durch die ersten 100 Seiten und fand es weder witzig noch lesenswert. Die abgehackte Art des Erzählens entsprach nicht meinem weiblichen Geschmack. Wieder eine dieser unsäglichen Empfehlungen, dachte ich. Frustriert warf ich das Buch in die nächste Ecke.
Mit schallendem Gelächter überraschte mich hingegen mein Sohn: "Hör mal, coole Stelle....", "Das ist ja super!" Und er trug mir eine dieser vermeintlich witzigen Passagen vor, die ich nicht verstehen wollte, um anschließend alle 700 Seiten der fünfteiligen Romanreihe
Per Anhalter durch die Galaxis in einem Rutsch durchzulesen. Heute weiß ich, das Buch ist Kult. Ohne meine Recherchen hätte ich das vielleicht nie erfahren. Ohne die positiven Leseerfahrungen meines Sohnes jedoch, ohne sein unbewusstes Mutmachen mir gegenüber, hätte ich dieses Buch nie geschrieben.
Am Ende hat es funktioniert. Tilman liest wieder. Anders, typisch männlich eben: zielorientiert, vieles parallel, ausschnittweise, Sachbücher, Science-Fiction, Fantasy, Biographien, Romane von Auster bis Eschbach, von Hesse bis Kordon, von Pullmann bis Wolfe in Deutsch und Englisch. Anfangs waren Titel dabei, auf die ich im Traum nicht gekommen wäre. Später habe ich geahnt, warum er welches Buch zur Hand nimmt.
Spiegel oder
Stern hat er zu Hause nicht selten als erster in Beschlag. Seit er wieder liest, sind auch seine Leistungen in der Schule wieder besser geworden. Er besucht die 11. Klasse eines Gymnasiums.
Liebe Leser! Nichts ist erfolgreicher als Erfolg. Mit diesem Buch möchte ich Sie ermutigen, es uns gleich zu tun. Heranwachsende, Jungen wie Mädchen, werden über Jahre hinweg immer wieder von Leseunlust-Attacken heimgesucht. In einer Welt, in der die über uns hereinbrechende mediale Reizflut beinah täglich anschwillt und potenzielle Leser mit sich in die Tiefe reißt, braucht das Buch unsere Hilfe. Wer, wenn nicht wir Eltern, könnten ein Interesse daran haben, landauf landab Kinder zu aufgeweckten, in sich ruhenden, selbstbewussten und kritischen Leseratten zu erziehen? Einen Teil der damit verbundenen Lotsenarbeit soll dieses Buch leisten.
Gehen Sie also auf die Reise zur "Leseinsel Wunderbar". Lernen Sie, die Leseklippen ihres Kindes mit ihm gemeinsam zu umschiffen. Warten Sie nicht darauf, dass die Schule Ihnen diese Arbeit abnimmt. Ist der Lesekurs erst einmal abgesteckt, werden Sie erkennen, welche Bücher im Moment für Ihre Kinder die Richtigen sind.