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Interviews

Zürich, 11. Januar 2005        


Frau Müller-Walde, ganz offen gefragt: Warum sollen Jungen überhaupt mehr lesen?

Weil es einen Zusammenhang gibt zwischen Leselust und der individuellen Fähigkeit des Einzelnen in unserer Wissensgesellschaft sein Leben zu meistern. Wissenschaftler unterschiedlicher Fachgebiete unterstützen inzwischen diese These. Je mehr Jungen lesen, desto größer ist ihre Chance, künftige Herausforderungen in Schule und Beruf in den Griff zu bekommen und damit die Grundlage für ein glückliches Leben zu schaffen. Vor allem das Lesen von Romanen trainiert emphatische Fähigkeiten, also das sich Einfühlen können in Menschen und Lebensumstände. Die Konsequenz von Lesen ist also nicht nur das Anhäufen von Wissen sondern auch das Ausbilden von Sozialkompetenz. Das schafft der Computer nicht.

Warum ist es so wichtig, dass Eltern lesen?

Kinder wollen ihren Eltern nacheifern. Authentische Vorbilder motivieren dabei am stärksten. Wichtig für Jungen aber sind vor allem Väter, Großväter, Onkel und Brüder - vorlesende und regelmäßig selbst lesende Männer. Auch die liebevollste alleinerziehende Mutter wird ihren Sohn nur unter größten Mühen zum lesenden jungen Mann erziehen können. Der Grund: Jungen nehmen Lesen heute häufig als "weibisch" wahr. Der "echte Kerl" distanziert sich auf dem Weg zum Mann gern von lesenden Müttern, Erzieherinnen, Lehrerinnen, Bibliothekarinnen...

Was sollten Eltern tun, was können sie überhaupt tun, damit Buben mehr lesen?

Ihre Kinder lieben. Kinder entwickeln nur dann Leselust, wenn sie in emotional stabilen Verhältnissen aufwachsen. Geschichten erzählen, vorlesen, sich regelmäßig mit Ruhe dem Kind zuwenden von frühester Kindheit an. Das ist wichtig. Darüber hinaus sollten Eltern wissen, dass Lesen für unser Gehirn quasi eine artfremde Tätigkeit ist. Selbst einmal entfachte Leselust will zwischen Klasse 2 und 10 immer wieder versiegen. Im Buch erkläre ich warum und wie man die Natur überlisten kann.

Welches sind die größten Fehler, die Eltern machen, wenn sie Buben zum Lesen ermuntern wollen?

Besonders gutmeinende Eltern und Lehrer qualifizieren häufig die von Jungen bevorzugten Texte als minderwertig ab: Sachbücher, Science Fiction, Fantasy, Comics. Etwa: " Das ist doch alles keine richtige Literatur. Das ist doch bloß Trash." Damit motivieren sie nicht, sondern vergrößern sie Kluft zwischen tatsächlich gelesenen Texten und aus bildungsbürgerlicher Sicht wünschenswerten Texten. Eltern sollten vielmehr anknüpfen an die unmittelbaren Interessen von Jungen - Technik, Mittelalter, Schlachten und dazu Texte finden. Außerdem: Die lesehemmenden Wirkungen von TV- und Computernutzung bei der Gehirnbildung sind bislang weitgehend unbekannt. Der größte Gegner des Buches sind "Ballerspiele" am Computer. Demgegenüber nutzen Jungen den Computer umso qualifizierter je mehr sie zuvor gelesen haben.

Gibt es für Jungen auch schlechte Bücher?

Nein. Jeder Text, der interessiert und bewältigt wird, ist ein Text auf dem Weg zum sogenannten guten Buch. Er vermittelt ein Erfolgserlebnis. Je höher die Anzahl der Erfolgserlebnisse desto stärker die emotionale Basis, auf die ein anspruchsvollerer Text fällt. Wir vergessen viel zu häufig, dass die Erkenntnis, geistige Arbeit kann Spaß bringen, erst gelernt werden muss, ebenso Konzentration, Ruhe und Gelassenheit - alles Voraussetzungen, um überhaupt lesen zu wollen.

Sie schreiben, erst kommt die Lust, dann die Bildung - wie meinen Sie das?

Nur wer von sich aus einen starken inneren Drang verspürt, lesend also mit all seinen Sinnen zu erfahren, wie ein Abenteuer ausgeht oder ein naturwissenschaftliches Phänomen sich erklärt, wird Freude beim Lesen empfinden, befriedigende Momente, entspannende, aufregende Leselust. Sie ist die Wiege allen Lernwillens und damit automatisch auch die Wiege künftiger Bildung.

Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Reto Knobel
Migros-Magazin (2,5 Millionen Leser)
Zürich



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Berlin, 17. Dezember 2004    


Was hat Sie veranlasst gerade dieses Buch zu schreiben?

Das Thema Bildung interessiert mich schon sehr lange. Im Grunde verfolge ich seit gut zehn Jahren, wie Bildungspolitik in Deutschland betrieben und umgesetzt wird. Das Thema Lesen ist Teil davon - allerdings mit gehörigen Auswirkungen auf Bildung und Menschenbildung. Vielleicht deshalb.
Der eigentliche Anlass aber war ein sehr simpler. Mein Sohn, damals 12, las plötzlich nicht mehr. Ich wollte wissen warum, suchte nach einem Buch, das weiterhalf, fand aber keines. Also machte ich aus der Not eine Tugend.

Aber es gab doch schon Hexen Hobbits und Piraten - die besten Bücher für Kinder von Susanne Gaschke.

Ja, das hatte ich auch gelesen. Hierbei geht es um eine Sammlung von sogenannten pädagogisch wertvollen Titeln, die ich hilfreich fand. Ihre Empfehlungen gingen aber über das Grundschulalter nicht hinaus. Auf einer Podiumsdiskussion in Frankfurt fragte ich sie, warum für ältere nichts dabei sei. Sie sah den Bedarf und meinte dann: »Warum schreibst Du nicht ein Buch über die älteren?«

Könnte man sagen, dass Warum Jungen nicht lesen und wie wir das ändern können Teil zwei von Hexen Hobbits und Piraten ist?

Nein. Es stellte sich bei den Recherchen sehr schnell heraus, dass der Ansatz: Laß uns einen Kanon pädagogisch wertvoller Bücher für die älteren Schüler zusammenstellen, an der Realität vollkommen vorbeigeht. Das "gute Buch" ist mit Blick auf alle Schultypen in Deutschland ab der 5./6. Klasse out, von Ausnahmen abgesehen. Um ihm wieder eine Chance zu geben, musste ich den umgekehrten Weg wählen, also herausfinden, wo die Aufmerksamkeit von Schülern in diesem Alter wieder einsetzt. Ich fragte sie nach ihren Vorlieben, erst spontan, dann repräsentativ mittels Marktforschung und kam so zu 50 Empfehlungen, die bei Schülern unterschiedlichen Alters wirklich funktionieren.

Sie sind aber nur für Jungen geeignet ...

Das muss nicht so sein, wie die Praxis zeigt. Mein Buch beginnt mit einem längeren theoretischen Teil, der die Gründe erklärt, warum Jungen und Mädchen, die von Natur aus neugierig sind, nicht oder nicht mehr lesen wollen. Beide Geschlechter sind von diesem Phänomen betroffen, Jungen jedoch vergleichsweise stärker. Die größte Problemgruppe sind die 12- bis 17jährigen. Dieser Umstand wiederum war das Interessante für mich an der Arbeit. Wenn ich mich schon mit der Frage beschäftige, warum Kinder zunehmend "Null Bock auf Buch" haben, dann wollte ich sie für die kniffligste Zielgruppe beantworten. So entstand der Buchtitel Warum Jungen nicht mehr lesen ...

Sie erwähnten gerade die Marktforschung. Das klingt, als hätten sie ein pädagogisches Problem mit betriebswirtschaftlichen Mitteln gelöst.

Ich würde sagen: Ich habe mit vernünftigen Mitteln, die auch in der Wirtschaft angewendet werden, die Grundlage zur Lösung meiner Frage gelegt. An der Lösung selbst haben vor allem Wissenschaftler und praxiserfahrene Pädagogen den entscheidenden Anteil gehabt. Irgendwann stellte sich die Frage nach der Allgemeingültigkeit meiner Beobachtungen zum Leseverhalten von Jungen. Ich wollte sicher gehen und mich nicht dem Vorwurf aussetzen, von einigen wenigen Jungen auf ganz Deutschland zu schließen. Eine repräsentative Umfrage durchzuführen, schien mir sinnvoll. Also, warum nicht mit professionellen Instituten zusammenarbeiten, die dies zudem kostenlos getan haben, weil sie das Thema wichtig fanden. Wie hätte ich allein mehr als 2000 Fragebögen auswerten sollen?

Im Ergbenis stellen Sie fest, dass Jungen breitere Unterstützung in der Schule brauchen. Stichwort Boys´underachievement. So manche/r Anhänger/in Alice Schwarzers wendet sich doch angesichts solcher Überlegungen kopfschütteld ab.

Wer dies tut, outet sich als wenig vertraut mit der Lebenswirklichkeit von Teenagern im Jahr 2005 und als rückwärtsgewandt. Mal abgesehen von der Grundproblematik - Mädchen ziehen an Jungen in Größenordnungen vorbei - die in allen hochentwickelten Industrieländern heute anzutreffen ist, ist Schule in Deutschland feminisiert. Daran gibt es keinen Zweifel. Dieser Umstand ist einerseits den Reformprojekten der vergangenen gut zwanzig Jahre geschuldet, andererseits bereits die Antwort auf künftige Herausforderungen unserer Wissensgesellschaft.
Körperliches Kräftemessen, das, was Jungen noch heute als zentralen Punkt des Erwachsenwerdens begreifen, und was junge Menschen zur Ausbildung von Selbstbewusstsein auch brauchen, »darf« an Schulen kaum noch ausgelebt werden.
Wenn etwas zuerst ausfällt, ist es der Sportunterricht: »Das ist doch nicht so wichtig.« heißt es dann. Am Nachmittag fehlen oft Arbeitsgemeinschaften, die Jungen anziehen, also nicht der Chor, die Rhetorik-, Yoga-, Bastel- oder Theatergruppe oder die UNO-AG, was aus Jungensicht typisch weibliche AGs sind. Diese werden aber von den überwiegend weiblichen Lehrkräften gern angeboten. Aus Gründen der Political Correctness finden wir inzwischen sogar Fußballteams für Mädchen nicht aber für Jungen an ein und derselben Schule. Verlangt werden gedämpftes Verhalten in der Klasse und Sozialverhalten - alles Tugenden, die Mädchen schneller erlernen als Jungen, weil sie dem gesellschaftlich akzeptierten Rollenverhalten entsprechen. Männliches Rollenverhalten wird nicht geübt. Umgeben von alleinerziehenden Müttern, Erzieherinnen, Lehrerinnen, Lektorinnen, die sogenannte weibliche Tugenden unterstützen, verstärkt sich bei vielen Jungen das Gefühl der Nichtakzeptanz. Was männlich ist, wissen sie nicht, also schlussfolgern sie: alles, was nicht weiblich ist. Da bleibt nicht viel. Die Folgen sind extrem: Ausbruch aus der sozialen Norm oder das Gegenteil - völlige Lethargie. Beides kann uns mit Blick in die Zukunft nicht recht sein.

Dann hat Frau Schwarzer jetzt ausgedient?

Warum? Alles zu seiner Zeit. Wenn es um Frauen in Führungspositionen geht, dann hat Frau Schwarzer in Deutschland noch alle Hände voll zu tun und gehört unterstützt. Inzwischen sind selbst im "Land der Machos" - in Italien - mehr Frauen in Führungspositionen als in Deutschland. Solange Kinder bei uns aber immer noch als lästig bei der Karriereplanung angesehen werden, wird sich dieser Zustand nicht ändern, ja obendrein sägen wir an den Wurzeln der Gesellschaft. Jungen zu unterstützen bedeutet also aus meiner Sicht, künftige Männer, Väter und Ehepartner zu unterstützen.


Das Interview führte Maike Overbeck
Freie Journalistin
Berlin




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